Eine Dekade OHNE

Es war ihre letzte Nacht – auch wenn keiner von uns es davor wusste.

Es war ihre letzte Reise… ein schwerer, schmerzvoller und schier endlos scheinender Weg.

Nur wenige Stunden zuvor wurde sie von einer Klinik in die andere verlegt, wo ihr eine bessere Versorgung zugesagt wurde.

Am Nachmittag waren wir noch bei ihr, aber der Besuch ist überschattet vom Packen und Sortieren – was kann nach Hause und was geht mit ins andere Krankenhaus -, umwoben von der ständigen Unruhe, die ein aufgewecktes Kleinkind bei seiner Suche nach Abenteuern ganz automatisch verursacht.

Man ist da, aber irgendwie auch nicht, weil so viele Dinge für Ablenkung sorgen. Die Geschäftigkeit hat in solch einem Augenblick durchaus eine gute Seite, denn sie kann Halt geben und damit den Absturz in ein tiefes Loch verhindern… oder zumindest aufschieben?!

Ich habe geschlafen, im Bett meine Schwester, neben meinem einjährigen Sohn, der sich in meiner Nähe trotz der unbekannten Umgebung sicher gefühlt hat. Ich habe geschlafen und zwischendurch wirre Traumphasen durchlebt. Ich habe geschlafen in der tiefen Gewissheit, meine Mutter am nächsten Tag unter ruhigeren Bedingungen und vielleicht sogar ohne Joel besuchen zu können. Da war diese schwache Hoffnung, vielleicht doch Gelegenheit zum richtigen Abschied nehmen zu bekommen.

Und dann wurde ich in den frühen Morgenstunden vom Telefon aus dem Schlaf gerissen. Es war mein Vater. Er stand vor unserer Haustüre, aber keiner hatte sein Klingeln gehört und so versuchte er es übers Telefon. Ich war einen kurzen Moment verwirrt… warum ist er denn hier und nicht bei meiner Mutter? Schließlich war er seit über einer Woche fast konstant bei ihr. Aber es war nur der Bruchteil einer Sekunde und dann machte sich ganz unvermittelt die Gewissheit breit: Mama ist tot!

Hinter mir liegt eine Nacht mit wenig Schlaf. Obwohl ich unglaublich müde und vom Tag erschöpft war, konnte ich nicht in den Schlaf finden, als ich kurz nach 22 Uhr das Licht ausgemacht und mich bequem in meine Decke gekuschelt habe.

Der Tag war eindeutig zu voll für mich gewesen. Am Vormittag hatte mein Mann Predigtdienst in einer Gemeinde, die uns seit vielen Jahren begleitet und unterstützt. Alle bis auf Joel sind mitgekommen zu diesem Termin. Unser großer Sohn wollte lieber in unsere Gemeinde gehen, da er bereits am vergangenen Sonntag krankheitsbedingt die Probe fürs Weihnachtsanspiel verpasst hatte.

Eigentlich wollten wir nach dem Gottesdienst noch einen kurzen Abstecher auf den Ludwigsburger Weihnachtsmarkt machen; wenn man eh schon mal da ist bietet sich das ja an. Aber das Wetter war uns nicht wohlgesonnen und die bedrohlich dunklen Wolken öffneten beim Eintreffen auf dem Parkplatz ihre Schleusen. Das war uns dann eindeutig zu viel Wind und Regen und so haben wir uns für den Heimweg entschieden.

Für den Nachmittag hatten wir uns als Geschwister verabredet. Zuerst ein kurzes Treffen an Mamas Grab, wo wir ein Windlicht aufgestellt haben. Seit ihrer Beerdigung waren wir nicht mehr alle gleichzeitig dort versammelt. Die Kinder sind zwischen den Gräbern hin und her gerannt, auf der Suche nach Abenteuern. Ein bisschen mit Stöckchen, Laub und den kleinen Kieselsteinchen spielen. Selbst an einem Ort, wo es offenkundig nicht wirklich was zum Spielen gibt, finden Kinder dennoch etwas.

Von dort aus sind wir dann zu uns nach Hause marschiert, um noch etwas gemeinsame Zeit mit Kaffee, Punsch, Kuchen und Gebäck zu genießen. Die Kinder hatten ihren Spaß zusammen und haben ausgiebig gespielt. Hier gab es ja nun auch jede Menge Spielzeug.

Kurz vor 18 Uhr ging das große Abschiednehmen los. Mein Mann machte den Anfang, da er an diesem Abend noch nach Fulda fahren musste. Von dort aus sollte es am frühen Morgen weiter gen Norden gehen, da er von Montag bis Mittwoch in seiner alten Bibelschule unterrichten wird.

Meine Schwester mit ihrer Jüngsten konnten mit ihm mitfahren und so hatte er zumindest für die Hälfte der Strecke noch ausreichend Unterhaltung. Und auch die anderen haben sich nach und nach auf den Heimweg gemacht und allmählich zog wieder Ruhe ein.

Naja, das mit der Ruhe stimmt nicht so ganz, denn bis es dazu kommen sollte, musste ich zuerst noch einige Kinder mit Abendbrot versorgen und anschließend fürs Bett vorbereiten. Die Zeit dazwischen haben wir genutzt um noch ein wenig von der Herdmann-Sippe zu lesen.

Beide Jungs sind gut eingeschlafen und Ben hatte auch eine relativ ruhige Nacht, und das obwohl er über den Tag hinweg viel zu wenig geschlafen und viel zu viele Eindrücke gesammelt hatte.

Aber Josias Nacht war extrem schlecht! Vielleicht war der Tag für ihn einfach auch ein bisschen zu voll gewesen?! Ich habe keine Ahnung, was der Auslöser dafür war und ob es überhaupt einen gegeben hat. Aber was ich dafür umso besser weiß: ich bin momentan kein gutes Gegenüber, wenn es um nächtliche Konversation geht. Und das bekommt mein Sohn dann durchaus auch zu spüren, wenn er mich kurz nach Mitternacht lautstark aus dem Bett schreit.

Ja, es war ein Schreien und es riss mich mitten aus dem Tiefschlaf! Ignorieren war definitiv nicht möglich und so schleppte ich mich schwerbeinig ins andere Zimmer, wo ich ihm direkt verkündet habe, dass er noch zu schlafen hätte. Schließlich ist es mitten in der Nacht und alle Welt schläft ganz brav.

Er war nicht sonderlich beeindruckt von meinem Vortrag. Auch wenn er sich recht zügig wieder hingelegt hat, so war leider nicht an Schlaf zu denken. Ich bin zwar zurück in mein Bett mit dem festen Vorhaben, ihn einfach zu ignorieren. Aber als ich dann nach vielen lauten Rufen plötzlich auch Joels Stimme vernommen habe, die beschwichtigend auf Josia einzureden versuchte, bin ich eben doch wieder aufgestanden und zu den beiden ins Kinderzimmer.

Ich hab Josia ins Wohnzimmer geschleppt. Es folge Vortrag Teil 2 – wobei ich mich auch mit der Wand hätte unterhalten können. Und dann habe ich ihn einfach dort auf dem Boden sitzen lassen und bin wieder in mein Bett. Interessanterweise kam er schon nach kurzer Zeit zu mir in Schlafzimmer gekrochen und hat sich einfach zu mir ins Bett gelegt.

Mir war das zu dem Zeitpunkt alles egal, denn ich wollte einfach nur schlafen. Da lag er dann an mich gekuschelt und hat kurze Zeit später tatsächlich wieder geschlafen. Aber es war ein extrem unruhiger Schlaf. Immer wieder hat er erzählt, mich im Schlaf mit seinen Händen gesucht oder nach mir gerufen. Er hat sich auch wirklich viel bewegt und lag oft mehr auf mir als neben mir.

Ich genoss immerhin den Luxus, im warmen Bett liegen zu dürfen. Aber richtig schlafen ging einfach nicht. Und so begaben sich meine Gedanken auf Wanderschaft. Ich hab mich gedanklich mit unserem nächsten Rundbrief auseinandergesetzt, der wirklich dringend geschrieben werden sollte. Und viele weitere Dringlichkeiten haben sich vor meinem inneren Auge aufgelistet. In solchen Momenten bin ich dann sehr versucht, tatsächlich aufzustehen und die Dinge anzugehen. Aber mit Josia an der Seite wäre das keine gute Idee gewesen. Er lag die meiste Zeit nämlich mehr auf als neben mir.

Auch eine bewegte Nacht geht irgendwann zu Ende und wie üblich sind die zwei Kleinen wieder sehr früh erwacht und wollten in den Tag starten. Die müde Mama muss dann eben brav folgen – diesbezüglich gibt es ja nichts zu diskutieren.

Joel war damals, als meine Mutter uns verlassen hat, genau einen Monat jünger wie Benjamin aktuell ist. Daran zeigt sich offenkundig, dass tatsächlich viele Jahre seither vergangen sind! Es hat sich so viel verändert und es sind so viele wertvolle Menschen zu unserer Familie dazu gekommen – durch Heirat und Geburten. Ja, meine Mama verpasst viel… und genau das war auch ein ganz zentraler Punkt ihrer eigenen Trauer.

Gemeinsame Kutschfahrt im Oktober 2008

Vor nicht allzu langer Zeit bin ich während eines Abstechers auf Facebook an den folgenden Zeilen hängen geblieben, die eine Bekannte anlässlich des Todes ihrer Mutter gepostet hat:

Grieve never ends… but it changes. It’s a passage, not a place to stay. Grief is not a sign of weakness, or a lack of faith … It is the price of love.

Trauer endet nicht … aber sie verändert sich. Sie ist eine Passage, nicht ein Platz zum Bleiben. Trauer ist kein Zeichen von Schwachheit, oder fehlendem Glauben … Sie ist der Preis der Liebe.

Und da ist er wieder, einer dieser Momente, wo einfache Worte tief in mich sickern und auf Resonanz stoßen. Da werden fast unmerklich Saiten in mir zum Schwingen gebracht und ich nicke wortlos meine Zustimmung, denn ich spüre die Wahrheit darin… meine Wahrheit und meine Trauer, die auch heute noch da ist.

Nicht mehr allgegenwärtig und unausweichlich. Nein; aber sie ist einfach zu einem Teil von mir geworden, denn meine Mutter wird immer ein wesentlicher Teil von mir bleiben. Und wenn ich an sie denke, dann ist da auch jetzt und heute Liebe und Verbundenheit.

Und manchmal träume ich davon, wie mein Leben heute aussehen könnte, wenn sie noch bei uns wäre. Dann wäre vieles ganz anders, denn wir würden wohl ziemlich sicher nicht in meinem Elternhaus wohnen. Meine Kinder hätten eine zweite Oma… Ja, sie können sich eigentlich kaum an ihre Oma erinnern, weil sie einfach noch so klein waren. Auch dieser Gedanke schmerzt mein Herz.


Trauer ist Liebe,
die heimatlos geworden.
Einst in Herzlichkeit daheim,
verwaiste Seele, jetzt allein.

Trauernde Liebe,
schmerzendes Herz,
ewig bleibt, lähmender Schmerz.

Meine Tränen dein Herz, nie mehr erreicht.
Was bleibt,
wenn Trauer nicht weicht?

Gedicht von Waltraut Dechantsreiter

Für mich ist es kein lähmender Schmerz – und ich denke, genau das ist ein ganz wesentlicher Punkt und macht einen großen Unterschied.

Aber was mich an diesem Gedicht vor allem angesprochen hat ist der Vergleich mit der heimatlos gewordenen Liebe. Ich finde, dass es ein sehr schönes und treffendes Bild ist. Und in diesem Sinne finde ich persönlich es auch gar nicht schlimm, wenn die Trauer nicht weicht. Denn sie ist und bleibt ein Zeichen dafür, dass eine Person aus meinem Leben gegangen ist, die für mich eine ganz zentrale Rolle gespielt hat und mit der ich auch heute noch durch Liebe verbunden bin.

Und deshalb ist auch vieles von dem, was ich vor fünf Jahren am Todestag meiner Mutter geschrieben habe, jetzt und heute noch spürbar und wahr…

Mama, Dein Lachen fehlt mir…

…und noch so viel mehr!

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1 Antwort zu Eine Dekade OHNE

  1. Andrea sagt:

    Du siehst deiner Mutter unglaublich ähnlich, liebe Doro. Aus der Ferne drücke ich dich fest.

    Alles, alles Liebe

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