STILL

Es gibt Ereignisse, die spalten unser Leben ganz unumgänglich in ein VORHER und NACHHER. Tief, nachdrücklich, unveränderbar, schmerzhaft. Von einem Moment zum nächsten ist plötzlich nichts mehr, wie es war. Die Karten sind neu gemischt und das Blatt auf der Hand entspricht nicht dem, was man sich erhofft und erträumt hat.

Da ist diese junge Mutter. In den letzten Wochen hatten wir deutlich mehr Kontakt, was zum einen daran liegt, dass Josia inzwischen regelmäßig bis 14 Uhr in den Kindergarten geht. Die Monate davor war das immer nur ein bis zweimal in der Woche der Fall, und im ersten Kindergartenjahr eigentlich gar nicht. Da unser Kindergarten aber eine Kindertagesstätte ist, gehen eigentlich alle Kinder bis mindestens 14 Uhr. So ist es also auch nicht verwunderlich, dass meine Kontakte zu den anderen Kindergarteneltern bislang sehr mager sind.

Aber inzwischen kenne ich zumindest ein paar Eltern. Nicht mit Namen, aber ich kenne ihre Gesichter und weiß, welches Kind zu ihnen gehört. Immer mal wieder rede ich mit der ein oder anderen Mama ein bisschen, wenn wir da so gemeinsam vor der Türe stehen und auf unsere Kinder warten. Und so ist auch der Kontakt zu dieser jungen Mutter entstanden. Da sie fast zeitgleich mit mir ein Baby erwartet hat, gab es für uns eine gewisse Gemeinsamkeit, die zusätzlich Anlass für ein kurzes Gespräch brachte.

Sie ist eine sehr herzliche junge Mutter, stets ein Lächeln auf dem Gesicht, voller Lebensfreude, mit Schwung und Elan unterwegs, ihre klare laute Stimme ruft ihrem Ältesten nach, wenn er mal wieder eigene Wege gehen will… ich mag sie.

Natürlich haben wir beide gespannt darauf gewartet, wann sich unser Baby auf den Weg in diese Welt macht. Als ich sie einige Tage lang nicht mehr sehe liegt der Schluss nahe, dass sie bereits entbunden hat. Und tatsächlich, beim nächsten Wiedersehen kommt sie mir ohne dicken Bauch entgegen und berichtet freudig davon, dass ihr Sohn geboren wurde – wider Erwarten fast 3 Wochen vor Termin. Beide sind wohl auf. Und einige Tage später sehe ich sie sogar mit dem Neuankömmling, der friedlich schlafend im Geschwisterwagen liegt.

Kurz darauf wird unser Sohn geboren. Da Ha-Di den Kindergartendienst übernimmt, sehe ich sie vorerst nicht mehr.

Beim nächsten Wiedersehen staune ich, wie groß ihr Sohn schon geworden ist. Er ist zwar nur zweieinhalb Wochen älter als unser Benjamin, aber sichtlich größer und schwerer. Keiner von uns konnte ahnen, dass es das letzte Mal sein würde, dass ich diesen süßen Kerl sehe.

Nur wenige Tage später ist er im Alter von gerade mal einem Monat einfach nicht mehr aufgewacht.

Plötzlicher Kindstod

Man hört und liest davon, aber natürlich ist ER weit weg.

Das Schreckensgespenst aller Eltern.

Ich erinnere mich so gut daran, dass ich diese diffuse Angst schon sehr jung kennengelernt habe – als meine Geschwister ein Baby waren. Immer mal wieder habe ich meine Hand ganz nah an den Mund gehalten, wenn sie ruhig geschlafen haben und die Atmung kaum wahrnehmbar war. Und es war durchaus eine gewisse Erleichterung, wenn wir den ersten Geburtstag gefeiert haben und das Kind gesund und munter war.

Erst am Tag der Beerdigung des kleinen Jungen habe ich davon erfahren, dass es dieses Kind ist, das verstorben ist. Schon in der Woche davor erreichte uns die Nachricht, dass es in der Nachbarschaft unserer Freunde einen Fall von plötzlichem Kindstod gegeben hat. Aber zu diesem Zeitpunkt war mir in keinster Weise bewusst, dass ich diese Familie persönlich kenne.

Die Nachricht hat mich betroffen gemacht. Aber als ich dann an jenem Freitagnachmittag der jungen Mutter gegenüberstand und von ihr den Satz gehört habe: „Mein Kleiner lebt nicht mehr!“ traf mich der Schmerz mit gewaltiger Wucht. Was soll man in so einem Moment noch sagen?

Ich habe sie in den Arm genommen und mit ihr geweint.

Auch jetzt kommen mir die Tränen, wenn ich an unser kurzes Gespräch denke. Ihr Satz hat sich in meine Seele gebrannt. Immer und immer wieder tauchte er wie aus dem nichts auf. Es vergeht kein Tag, wo ich nicht mit Schmerz an diese Mutter und ihre Familie denken musste… und ich habe gebetet.

Da sitze ich und halte mein Baby in der Hand. Ich kann es kuscheln, im Schlaf bewundern, sanft küssen, an ihm riechen… und ihr Arm ist plötzlich leer! Da ist kein Baby mehr, das an ihrer Brust liegt und genüsslich trinkt. Kein Schrei mitten in der Nacht.

Es ist STILL

Ja, sie hat noch zwei Kinder. Und genau diese beiden sind es, die die junge Mutter dazu bringen, morgens überhaupt aufzustehen und sich dem neuen Tag zu stellen. Da ist viel Leben, Alltag und Liebe… aber zugleich auch so viel Leere, Schmerz und Stille.

Wenn man von solchen Geschichten hört, macht es einen betroffen. Wenn man die Familie persönlich kennt, ist man erschüttert und trauert mit. Wenn man dann aber ein kleines Wesen in den Armen hält, das fast gleich alt ist, ist die Realität plötzlich eine ganz andere und der Schmerz wird in einer Weise spürbar, wie ich es nicht erwartet hätte.

Vielleicht liegt es auch an all den Hormonen, die derzeit durch meinen Mama-Körper schwappen und ihn zeitweise in eine emotionale Achterbahn verwandeln. Alles ist empfindsamer und die Tränen fließen auch ohne Anlass wie von selbst. Und dann kommt er immer wieder, dieser Satz „Mein Kleiner lebt nicht mehr!“ Er hallt wie durch ein dunkles, undurchschaubares Labyrinth aus Fragen und Emotionen. Und er tut weh…

Ich halte unser kleines Baby fest in meinem Arm und neben all dem schmerzlichen Mitleiden für diese Familie macht sich ein anderes Gefühl in mir breit:

Dankbarkeit

Ich bin dankbar, für jeden einzelnen Atemzug! Ich bin dankbar für das Leben. Ich bin dankbar für das Wachstum, welches man an so einem jungen Menschen täglich aufs Neue bestaunen kann. Ich bin dankbar, wenn er seine Augen aufschlägt und mich anschaut. Ich bin dankbar, wenn mich mein Zwerg mitten in der Nacht aus dem Schlaf reist und gestillt werden möchte…

Ich bin dankbar, dass er LEBT!

Natürlich kann ich meinen Teil dazu beitragen, indem ich mein Kind versorge und ihm Liebe und Nähe schenke. Aber ich kann weder sein Wachstum, noch seinen Lebensatem bestimmen.

Das Leben ist ein einzigartiges, unverdientes Geschenk!

Die Zeit bleibt nicht stehen. Die Erde dreht sich weiter. Die Tage kommen und gehen. So ist das Leben…

Immer wieder sehe ich die junge Frau, wenn wir unsere Kinder vom Kindergarten abholen. Ich vermisse ihr Lächeln! Ich vermisse ihr sprudelndes Erzählen.

An manchen Tagen nehme ich sie in den Arm und halte sie für einen Moment. Wir reden über das Leben, über den kommenden Geburtstag ihrer fast Zweijährigen, über die Ängste ihres vierjährigen Sohnes, der momentan nur widerwillig in den Kindergarten geht.

Es ist mein Herzenswunsch für sie und ihre Familie, dass sie wieder lächeln darf, dass sich ihre ansteckende Fröhlichkeit von der Trauer nicht auf Dauer ersticken lässt. Ich wünsche ihr, dass ihre Hände gefüllt werden mit Leben und Dankbarkeit. Ich wünsche ihr, dass sie Trost und Heilung erleben darf.

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