Unser Debriefing

Was ist das überhaupt, mag sich nun der ein oder andere fragen. Wenn man das Internet dazu befragt, findet man einige Erläuterungen:

eine Kurzauswertung nach einem wichtigen Ereignis

eine Nachbesprechung

die gemeinsame Analyse einer Situation oder eines wichtigen Ereignisses.

Da wir insgesamt zehn Jahre lang überwiegend im Ausland gelebt und gearbeitet haben, und nun ein neuer Zeitabschnitt beginnt, war es uns wichtig, diese Lebensphase in guter Weise abzuschließen. Dabei kann es sehr hilfreich sein, wenn man sich die Zeit nimmt, gewisse Dinge nochmals anzuschauen, darüber zu reden und vor allem auch bewusst von Dingen, Personen und Ereignissen Abschied zu nehmen. Wir haben uns dazu entschlossen, diese Sache gemeinsam mit unseren Kindern und unter professioneller Anleitung zu machen. Gerade für sie ist es ein großer Umbruch und wir wollen im Gespräch bleiben und ihnen auf diese Weise Hilfestellung geben – soweit das eben möglich ist.

Am Sonntag sind wir also Richtung Landsberg am Lech aufgebrochen, wo sich unsere Ferienwohnung befand. Es gab mal wieder Regen, endlos scheinende Baustellen und zum Schluss noch einen lästigen Stau wegen einem Unfall, weshalb wir echt lange unterwegs waren. Aber wir kamen wohlbehalten an und haben uns direkt eingerichtet.

Für Josia hatten wir einen Babysitter organisiert, da er natürlich nicht aktiv an den anstehenden Treffen teilnehmen konnte. Es war ein echtes Geschenk, dass Carina Zeit und Lust hatte, diese wichtige Aufgabe zu übernehmen. Sie kam am Montagvormittag mit dem Zug angereist. Unser erstes Treffen fand Montagnachmittag statt und Carina blieb mit Josia währenddessen bei uns im Raum; schließlich mussten die zwei erst ein bisschen miteinander warm werden.

Es gab eine kurze Vorstellungs- und Einführungsrunde und dann wurden wir schon bald wieder nach Hause entlassen. Wir bekamen eine Tüte mit einer Menge Stiften und Papier auf einer dicken Rolle mit. Unsere Hausaufgabe bestand darin, dass wir auf dieser Rolle die Erlebnisse der vergangenen Jahre aufmalen sollte. Jedes Familienmitglied sollte mitmachen. Kaum waren wir wieder in unserer Wohnung, sind die Kinder voller Elan zur Tat geschritten…

Wir haben gemalt und gemalt und gemalt und noch mehr gemalt. Josia wollte natürlich auch mithelfen…

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Nachdem wir etliche Stunden mit malen verbracht hatten, meinte Nasya nur so: „Also ich hab mich für die nächsten Monate ganz ausgemalt…“ Wohl wahr, denn auch ich hab mich am Abend total erschöpft und leer gefühlt. Ein kleines bisschen haben wir dann noch am kommenden Vormittag ergänzt und dann ging es zum nächsten Meeting.

Wir haben unsere ewig lange Rolle ausgerollt und das Zimmer war eindeutig zu klein dafür. Die kommenden zweieinhalb Stunden haben wir ganz viel erzählt. Jeder kam zu Wort und es war so schön zu sehen, welch großer Schatz an Erinnerungen wir als Familie unser eigen nennen dürfen!

Zwischendurch wurde viel gelacht, aber zeitweise auch geweint.

Wir haben die Augen geschlossen und uns an typische Geräusche oder Gerüche erinnert. Es war echt interessant, was da so alles genannt wurde – Dinge, die wir bereits sehr vermissen, aber auch Einiges, wo wir dankbar sind, dass wir das in Deutschland nicht mehr haben, wie z.B. die Stink-Stadt – wie die Kinder den Bereich des Fisch-, Fleisch- und Gemüsemarktes sehr treffend bezeichnet haben -, oder der Rauch von den kleinen und großen Müll- und Laubverbrennungshaufen an allen Ecken und Enden, das explosive Parfüm-Schweiß-Lebensmittelduftgemisch, das sich in den Daladalas (öffentliche Busse) entwickelt und vieles mehr.

Josia war währenddessen mit Carina auf einem kleinen Spielplatz ganz in der Nähe und hat dort tüchtig gesandelt, geklettert, geschaukelt und anderen Kindern beim Spielen zugeschaut. Das haben die zwei jeden Tag so gemacht.

Ein ganz zentraler Punkt war das bewusste Abschied nehmen von Sansibar und der symbolische Schritt nach Deutschland.

Den dritten und vierten Tag haben wir überwiegend getrennt verbracht. Die Kinder haben darüber nachgedacht, wie unser Alltag in Sansibar aussah und mit unserem Leben hier verglichen. Es ist erstaunlich, wie viele Dinge wir eben auch in Deutschland machen, wenn auch ein wenig anders.

Außerdem haben sie sich mit ihren persönlichen Stärken beschäftigt und etwas über die Besonderheit der sogenannten TCKs erfahren, zu denen sie zählen. TCK ist die Abkürzung für Third Culture Kids und steht für Kinder und Jugendliche, die in einer anderen Kultur aufgewachsen sind als ihre Eltern bzw. die in ihrer Kindheit bedingt durch Umzüge öfters die Kulturen gewechselt haben. Wer mehr dazu wissen will, kann hier nachlesen.

Wir Eltern haben uns außerdem darüber Gedanken gemacht, was wir in all den Jahren im Ausland gelernt haben, wie es uns heute prägt und was wir davon gerne mitnehmen würden. Vieles wurde nur angerissen und angestoßen… und nun heißt es für uns beide dran bleiben, weiter „graben“ und vielleicht eine Richtung erkennen, wie es für uns als Familie weitergehen könnte.

Jeder durchlebt die Übergangsphase, in der wir uns alle aktuell noch befinden, auf unterschiedliche Weise. Es ist gut zu wissen, dass es diesbezüglich kein Richtig oder Falsch gibt. Und es ist ebenso wichtig, dass wir uns in dieser Zeit nicht aus dem Blick verlieren und aufeinander Acht geben.

An den meisten Tagen haben wir in unserer Wohnung gekocht und einmal waren wir lecker Pizza essen.

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Es gab aber auch mal Mittagessen auf die Hand – an diesem Tag in Form von Leberkäswecken bzw. Wurstbrötchen. Die Kinder haben geschlemmt und das Auto wurde sozusagen mal wieder zum mobilen Restaurant umfunktioniert.

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Zeit zum Spielen hatten wir auch. Carina war ja nicht nur für Josia da, sondern die anderen haben sie natürlich auch gerne in Beschlag genommen und die Zeit mit ihr sehr genossen. Und Quatsch machen muss dann auch immer sein.

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Es war eine sehr wertvolle und intensive Woche für uns alle. Für Carina ging es bereits am Freitag kurz nach dem Mittag wieder nach Hause. Wir sind noch bis Samstag geblieben und hatten somit die Gelegenheit, die schöne Stadt Landsberg ein wenig zu Fuß kennen zu lernen.

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1 Antwort zu Unser Debriefing

  1. danke schön, dass ihr uns so teilhaben lasst an eurem Geschehen. Danke für die vielen super tollen Bilder der Kinder und alles Erzählen!

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