Blitzlicht Josia: Die schönen Haare

Mein Mann macht sich umgehend ans Werk, nachdem er zuvor schnell noch die elektrische Heckenschere aus der alten Hütte in unserem Garten geholt hat. Die Hecken vor unserem Haus und hinten im Garten schreien schon seit Tagen nach einem neuen Haarschnitt.

Ich sitze währenddessen am Computer, um eine dringende Email-Anfrage fertig zu schreiben. Als sich das gleichmäßige Rattern der Heckenschere mit dem Surren eines Rasierapparates vermischt, schrecke ich sofort auf. Wo sind die zwei kleinen Jungs?

Im Bad brennt Licht, ich höre Kinderstimmen und im nächsten Moment hechte ich auch schon los. Es sind wirklich nur wenige Meter, aber der Schock springt mir ungefragt ins Gesicht, als mein Blick ins Badezimmer fällt. Josia vollführt gerade die nächste, durchaus gekonnte wirkende Handbewegung mit dem Rasierer über seinen Kopf. Der Schock vermischt sich mit Schmerz über den erschreckenden Anblick, welcher sich mir bietet.

Ich weiß gar nicht mehr genau, was ich in diesem Moment ausgerufen habe. Mein Blick sprach vermutlich mehr als alle Worte, denn Josia brach daraufhin unmittelbar in herzzerreißendes Weinen aus und hörte so schnell auch nicht mehr auf. Ich nahm ihm den Rasierer ab. Leider hatte er bevor er damit ans Werk ging noch fachkundig den Aufsatz entfernt. Somit offenbarte sich an all den Stellen, wo er mit diesem Ding entlang gegangen ist, tatsächlich eine Kahl-Rasur!

Nach und nach trafen weitere Familienmitglieder am Ort des Geschehens ein. Sein Weinen drang zuverlässig durchs ganze Haus. Er wollte sich partout nicht im Spiegel anschauen, zu groß war wohl der Schock für ihn selbst. Josia war einfach absolut überfordert – genau wie ich!

Die Blicke der großen Geschwister machten die Sache nicht unbedingt besser. Wir waren einfach alle sichtlich geschockt und irgendwo in mir drin tat es ziemlich weh, ihn so zu sehen. Zum einen, weil er echt schrecklich aussah – wie ein Mönch bzw. ein alter Herr mit Halbglatze. Und weil er selbst so völlig durch den Wind war. Irgendwie wollte sich in mir auch das Lachen einen Weg bahnen; aber in Anbetracht der Sachlage war das nicht so ganz angebracht.

Nun ja. Nachdem Josia sich eine Weile auf Nasyas Schoß ausgeweint hatte, ist er nach oben, um sich seiner Freundin Jess zu präsentieren. Auch dort wurde er tröstend in den Arm geschlossen. Sie hat es auch geschafft, ihn mit einem Spiel abzulenken, und nach einer Weile war er tatsächlich dazu bereit, sich die restlichen Haare entsprechend schneiden zu lassen. So surrte der Rasierer also erneut – diesmal aber in meiner Hand.

Im Augenblick sieht er noch ein bisschen gerupft aus. Ich wollte ihm keine Vollglatze verpassen, und habe den Rasierer immerhin auf ein paar Millimeter Haarlänge eingestellt. An einigen Stellen sind die Haare noch etwas länger geblieben. Keine Ahnung, woran das nun genau gelegen hat. Vielleicht an gewissen Wirbeln oder so?!

Vermutlich werden wir in ein paar Tagen nochmal ein bisschen nachjustieren, damit es nicht mehr ganz so abenteuerlich aussieht, wie das aktuell noch der Fall ist. Und für die kommenden Wochen werden uns Käppi und Sonnencreme treue Dienste leisten müssen!

Ich bin gespannt, wie schnell wir uns an diesen „neuen“ Josia gewöhnen werden. Und ich hoffe sehr, dass er künftig die Finger von diesem Ding lassen wird! Aber wir haben inzwischen beide Langhaarschneider höher und somit hoffentlich sicherer verstaut. Wobei richtig sicher gibt es bei Josia fast nicht…

Wie gut, dass er an seinem Haarschopf gestartet ist, und sich nicht Ben als Versuchskaninchen geschnappt hat. Der war nämlich ebenfalls bei ihm im Badezimmer. Das wäre nochmals heftiger gewesen. So muss er die Folgen seiner Aktion immerhin selbst tragen!

Mein Herz ist in diesem Moment aber auch von Dankbarkeit erfüllt. Wenn ich Josia anschaue, bin ich dankbar dafür, dass es nur ein „Unfall“ war und keine andere Ursache hinter seiner neuen Frisur steckt.

Es ist erst wenige Wochen her, als ich eine Kindergarten-Mama reinspaziert bin. Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen, weshalb ich mich über ihren Anblick gefreut und sie herzlich gegrüßt habe. Aber schon nach wenigen Minuten erzählte sie mir von ihrer aktuellen Herausforderung. Und mir blieb jegliches Wort im Hals stecken. Bei ihrer Tochter wurde erst vor Kurzem Leukämie diagnostiziert!

Und während sie so von den vergangenen Monaten berichtete, von diffusen Fieberschüben, etwas vielen blauen Flecken und besorgniserregenden Blutwerten, hüpfte die aufgeweckte Vierjährige mit ihren pechschwarzen Haaren an der Hand ihrer Mutter auf und ab und zeigte großes Interesse an unserem Fahrradanhänger. Die Therapie läuft erst seit ungefähr einem Monat und bisher kommt die Kleine überwiegend gut damit zurecht. Man sieht es ihr eigentlich noch nicht an, dass sie so krank ist. Erst ein genauerer Blick offenbart, dass die Haare bereits lichter werden und das Kind trotz dem grundsätzlich eher dunklen Teint blass wirkt.

Ich kam mir in diesem Moment wie im falschen Film vor. Genau wie damals, als ich dieser Mama gegenüberstand und sie mir mit blassem Gesicht und starrem Blick mitteilte: „Mein Kleiner lebt nicht mehr!

Es ist so schwer zu begreifen, was ich an diesem Vormittag zu hören bekam. Ich will es einfach nicht glauben! Genau wie damals. Nun steckt sie erneut inmitten eines schweren Kampfes, wo keiner sagen kann, wie er verlaufen geschweige denn ausgehen wird.

In meinen Gedanken bin ich seither viel bei dieser Familie. Und seit mein Sohn seine neue Frisur trägt, habe ich einen zuverlässigen Reminder vor meinen Augen.

Betest du mit mir?

4 Kommentare

  1. At first I laughed and then I my mama heart was touched.
    I pray that the little girl will emerge victorious

  2. Ach Doro, du schreibst so schön. Hör damit bloß nie auf. Danke für diese „Geschichte“.

    1. Author

      danke für Deine liebe Rückmeldung 🙂

  3. Ihr Lieben, ja das war erst mal gewiß ein Schock, und dann muss man doch auch mal herzlich lachen.

    Aber vielen Dank für die Geschichte, die du danach erzählst.
    von dem kleinen Mädchen. Kann ich sehr gut verstehen, wie es dir beim Anblick deines kleinen nun ergeht, erinnert an die Fürbitte fürs kleine kranke Mädchen und zugleich dankbar, dass es bei Josia nur ein Unfall war. ja, sorgt der Unfall, für Dankbarkeit und Fürbitte.
    Nichts geschieht ohne einen Sinn….
    Liebe Grüsse im Herrn…
    Renate aus Wermelskirchen

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