Eine Fastenzeit der besonderen Art

Genau genommen sind wir ja schon mitten drin in der Fastenzeit. Ich kann mich nicht wirklich daran erinnern, dass ich diese 40 Tage vor Ostern schon mal zum aktiven Fasten genutzt habe. Es gab bei mir immer wieder Phasen, wo ich zumindest eine Art Teil-Fasten praktiziert habe, denn grundsätzlich ist das mit dem Fasten ja eine gute Sache. Mal waren es Süßigkeiten im Allgemeinen, mal ganz gezielt Schokolade oder auch Facebook, um ein paar Beispiele zu nennen. In den vergangenen Jahren kam es eher nicht mehr dazu, weil ich persönlich nicht wirklich den Kopf dafür frei hatte.

Auch für dieses Jahr habe ich mir keine großen Gedanken gemacht und konkret etwas für die Fastenzeit vorgenommen. Auf dem ein oder anderen Blog gab es zwar durchaus wertvolle Gedankenanstöße und praktische Ideen. Aber übers Lesen und ein bisschen darüber nachdenken bin ich nicht hinausgekommen. Es zeigt sich eben auch hier, dass ich im Augenblick einfach grundsätzlich zu wenig Luft habe und mir deshalb der Antrieb fehlt.

Tja, und nun kommt das Fasten ganz ungefragt und ohne bewusste Entscheidung in den Alltag von (jedem von) uns!

NEIN sagen geht nicht!

Sich unbeteiligt heraushalten auch nicht, da uns von AUSSEN ziemlich klare Ansagen gemacht werden, was momentan geht und was nicht.

Und täglich erreicht uns Neues…

Wie geht es mir damit?

Ganz ehrlich kann ich es mir noch nicht wirklich vorstellen, was da nun auf mich in den nächsten Wochen zukommen wird. Dabei habe ich selbst schon Erfahrungen aus erster Hand mit Homeschooling gemacht – als Lernhelferin und Jahre später auch als Mutter. Die Grundvoraussetzungen und Umstände waren natürlich anders. Außerdem hatte ich damals auf Sansibar eine Haushaltshilfe, ein Kindermädchen für Josia und ein bis zwei Lernhelferinnen zur Unterstützung an der Hand.

Heute ist der letzte Tag meines vertrauten Alltages – für die nächsten fünf oder was weiß ich wie viele Wochen! Auch mein vertrauter Alltag hat unzählig viele Facetten, bringt gewöhnlich wenig Langeweile mit sich und ist keineswegs stetig und verlässlich. Aber immerhin waren die Schulzeiten der Kinder bislang Fixpunkte, und die wenigen Momente ganz ohne Kinder (wenn Benjamin sein Schläfchen hält) immer sehr willkommene Pausen für mich, die ich hin und wieder sogar fürs Schreiben nutzen konnte. Wie jetzt 🙂

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass in einem Land wie Deutschland, wo die Schulpflicht ganz groß geschrieben ist und das Homeschooling ein absolutes no-go darstellt, solch eine Verordnung möglich sein könnte. Die tatsächliche Tragweite dieser Entscheidung – und sie ist den betreffenden Gremien wirklich nicht leicht gefallen – wird sich erst mit der Zeit zeigen. Und wer weiß, welche Auswirkungen es auf die Geschichte unseres Landes haben mag und ob es ganz nebenbei vielleicht auch ein Türöffner sein mag für Schulwege und -formen, die keiner hierzulande für möglich gehalten hat.

Nun sitzen wir also alle Zuhause. Mein Mann inklusive, da er einerseits seit einigen Tagen gesundheitlich angeschlagen ist und andererseits die nächsten Reise abgesagt sind. Über diese Tatsache bin ich nicht unglücklich, denn es war durchaus viel die letzten Monate. Aber zugleich schwebt hier auch ein großes Fragezeichen über uns, denn wir leben nun mal zu über 50% von Ha-Dis Reisedienst.

FASTENZEIT – wir verzichten auf soziale Kontakte –

Aber da wir als Familie hier zu Hause recht viele sind, ist konstant genug Leben in der Bude. Und schließlich gibt es da noch das Telefon und das Internet, wo die Freunde nur einen Klick weit entfernt sind – und das ganz safe. Die Kinder nutzen diese Möglichkeiten sehr gerne und wir Eltern natürlich auch. Telefonieren mit Bild und Ton ist wirklich ein Luxus und in Zeiten wie diesen sicher Anker für viele.

FASTENZEIT – wir verabschieden uns vom gewohnten Schulalltag –

Ab Dienstag, den 17. März werden fünf meiner Kinder nicht mehr in die Schule gehen! Ein Teil meiner Kinder sind regulär drei bis vier Mal wöchentlich 9-10 Stunden außer Haus. Und jetzt ist das auf Null gesetzt.

Aber wir haben keine offiziellen Ferien, denn die beginnen bei uns erste in der zweiten Aprilwoche. Die Kinder sollen in den kommenden knapp drei Wochen eigenständig von zu Hause aus an ihren Aufgaben arbeiten. Wie das nun genau ablaufen wird, wird vermutlich die Zeit zeigen 🙂 Heute ist auf jeden Fall nochmal Schule, damit Aufgabenpakete übergeben und Email-Kontakte hergestellt werden können. Es bleibt spannend, das ist schon mal sicher!

FASTENZEIT – wir streichen viele regelmäßige und besondere Aktivitäten –

… und haben somit ganz viel freie Zeit! Ja, das ist tatsächlich ein sehr positiver Nebeneffekt all dieser Ausfälle und Absagen. Die Tage verstreichen ohne Turnen, Schwimmtraining, Wettkämpfe, Orchesterproben, Theaterwochenenden, Studienfahrten, Gemeindetermine, Musikstunden, Besprechungen (naja, nicht ganz, denn einiges davon läuft nun eben auch auf digitalem Weg), Fußballturniere, Lehrgänge, Choraufführungen und was da sonst noch alles in unserem großen Familienkalender stand. Nachdem ich mit dem Radiergummi drüber bin sieht der fast wie neu gekauft aus!

Aber leider fallen auch Ausflüge zum Spiel- oder Sportplatz, in den Zoo oder zu diversen Veranstaltungen weg. Alles geschlossen bzw. es wird in den nächsten Tagen geschlossen werden, und somit stellt sich uns gar nicht Frage, ob man solch einen Trip noch wagen darf oder nicht.

Es ist nicht so, dass wir hier immer die Dauerbespaßung für unsere Kinder sicherstellen müssen. Gerade die vier Großen sind wirklich sehr eigenständig und können sich super gut alleine bzw. miteinander beschäftigen. Aber mit Josia gestaltet sich der Alltag und im Besonderen die Wochenenden deutlich angenehmer, wenn wir gewisse Ausflugsziele und Besuche auf unserer Agenda stehen haben und dadurch für Abwechslung gesorgt ist. Nun müssen wir schauen, was uns stattdessen alles einfallen mag. Garten und Sandkasten geht bei diesem tollen Wetter ja immer, und auch mal ein wenig Laufrad fahren ist möglich – und wird es hoffentlich auch bleiben! Es ist schön, dass wir direkt am Stadtrand leben, wo grundsätzlich nicht so viel Alltagsverkehr und Menschenbewegungen zu verzeichnen sind. Und dann wäre da noch der Wald. Den erreichen wir zwar nicht fußläufig, aber immerhin in wenigen Autominuten. Und der ist ja groß und getränkt von frischer Luft. Ich denke nicht, dass uns Lady Corona dort über den Weg laufen wird.

Unweiglicherlich steigen Erinnerungen an unsere ersten Jahre auf Sansibar in mir auf. Ich habe mich damals sehr oft und über längere Zeit hinweg wirklich wie im Gefängnis gefühlt, denn ich saß meist allein daheim mit den kleinen Kindern und hatte keine schnelle Verbindung zu Familie oder Freunden in der alten Heimat an der Hand. Es gab einfache Emailkontakte und mehr nicht.

Auch das Außen bot wenig Gelegenheit für Unterhaltung und Zerstreuung, denn es gab keinen Zoo, keine öffentlichen Spielplätze, keine Krabbelgruppe, kein Kinderturnen, kein Sport- oder Musikverein, keine Schwimmkurse oder sonstige Freizeitangebote, die wir mit den Kindern hätten wahrnehmen können. Im Lauf der Jahre änderte sich diesbezüglich viel, was wir freudig begrüßt und genutzt haben. Und natürlich mussten auch Beziehung und Freundschaften erst noch gefunden und aufgebaut werden.

Für uns alles heißt es ab jetzt: WIR FASTEN!

Und das verbindet uns durchs ganze Bundesland und darüber hinaus mit vielen anderen Ländern dieser Welt. Wir sind also nicht alleine…

So sind die Umstände und Vorgaben nun einfach, ob es uns gefällt oder nicht. Aber selbst wenn es sich im Augenblick so anfühlen mag, als wäre uns in der ganzen Sache jegliche Entscheidungsfreiheit geraubt worden, so kann ich mit Nachdruck Widerspruch einlegen!

Denn trotz der Veränderungen, trotz aller Einschränkungen und trotz der Zunahme an Regeln für unser soziales Miteinander darf ich selbst die Entscheidung treffen (evt. sogar täglich wieder aufs Neue), wie ich mit diesen Umständen umgehe und was ich daraus mache 🙂

Welche Gefühle machen sich in mir breit und wie gehe ich damit um?

Was für Gedanken nähre ich?

Wie nutze ich die neu gewonnen Zeit mit meinen Kindern?

Auf was richte ich jetzt meine Aufmerksamkeit?

Ich sitze hier an meinen Schreibtisch und mein Blick wandert in die Ferne. Die Sonne scheint und überall um mich herum riecht es bereits nach Frühling. Die Anzeichen sind längst nicht mehr zu übersehen, denn viele Büsche und Bäume haben ihr fades Braun gegen ein zartes Spiel der Farbe eingetauscht, auf den Wiesen tanzen bunte Blüten-Flecken und die Vögel schwängern die Luft mit ihrem sorglosen Gesang.

ALLES WIE IMMER….

Bleibe gesund, vor allem in deinem Herzen!

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1 Antwort zu Eine Fastenzeit der besonderen Art

  1. Andrea sagt:

    Schön zusammengeschrieben/beschrieben. So sehe ich es ja auch. Wir wollten Süßes fasten. Ich habe es aufgehoben, wir fasten jetzt ganz andere Dinge. Fastenzeit einmal anders.

    Bleibt gesund und viele Grüße in diesen besonderen Zeiten
    Andrea

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